Zum 400. Jahrestag der „Befreiung“ Russlands von den Polen – Was Polen und Russen aus einem unpopulären Feiertag lernen können

Polnisch-russische Beziehungen

Gemälde von W. Kossak
Titel: Hetman Zolkiewski mit der Husaria

Wenn es um die polnisch-russischen Beziehungen geht, gibt es selten etwas zu Lachen. Da sind die Toten des Massenmordes von Katyn von 1940. Da ist einerseits die „Befreiung Polens vom Faschismus“ durch die Rote Armee 1945; da wird auf der anderen Seite die unterschwellige Undankbarkeit der Polen für diese historische Tat wahrgenommen; oder in jüngerer Vergangenheit: die Unterstützung der Orangefarbenen Revolution in der Ukraine oder die Annäherung (Polens) an die USA. Das sind – sehr oberflächlich verkürzt – die polnisch-russischen „Höhepunkte“ der letzten 70 Jahre. Doch seit einigen Jahren steht der Kurs auf Verständigung. Angestoßen durch eine Kommission zur Aufarbeitung schwieriger Fragen, gefolgt von einigen sichtbar weniger emotionalisierten politischen Gesten auf beiden Seiten, die den radikal gesinnten Kräften in beiden Völkern, den Wind aus den Segeln nehmen sollen. In den polnisch-russischen Beziehungen tastet man sich behutsam vorwärts. Als während der Fußball-EM Russland gegen Polen spielte, läuteten wieder die Alarmglocken: russische Fans provozierten, Hooligans schlugen einander auf Warschaus Straßen. Ein weiteres Säbelrasseln könnte –  wie so oft zu Jahrestagen – der heute in Russland begangene Feiertag ankündigen. Oder auch nicht.

4. oder 7. November?

Es geht um das historische Ereignis des 4. November 1612, welches sich heute zum 400. Mal jährt. 2005 wurde der Tag durch eine Initiative der orthodoxen Kirche zum gesetzlichen Feiertag erhoben. Heute wird nicht gearbeitet, es ist Zeit für die Familie. Allerdings zeigen die Umfragen des Moskauer soziologischen Instituts Levada-Zentrum, dass 77% der Russen gar nicht wissen, worum es bei diesem Tag geht. Nur 14% können das historische Ereignis, auf das sich der Feiertag bezieht, wiedergeben, 3% assoziieren den Tag mit der Oktoberrevolution und dem Tag der Verfassung und 8% wissen nur Ungefähres um die Hintergründe des Jahrestags. .

Die Verbindung mit der Oktoberrevolution, deren Jubiläum bis 2005 begangen wurde, ist nicht sehr weit hergeholt. Tatsächlich war es Ziel, ihn als einen wichtigen Tag aus dem postsowjetischen Massenbewusstsein zu löschen. Am 4. November wird jedoch der „Tag der nationalen Einheit“ gefeiert und seither für nationalistische Aufmärsche genutzt. Er hat einen national-religiösen Ursprung mit der langen Bezeichnung „Tag der Kazaner Gottesmutter (im Gedenken an die Befreiung Moskaus und Russlands von den Polen im Jahre 1612)“. Dieser Tag soll die „Zeit der Wirren“ (russ. Smuta) beendet haben. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts hatten ausländische Truppen Moskau besetzt, die durch ein Heer von verbündeten Russen unterschiedlicher Schichten  ausgehungert und besiegt wurden. 1917 verbot man diesen Feiertag mit allen anderen religiösen Festen.

So geriet auch die Befreiung Moskaus von den Polen in Vergessenheit, die nun aus dem Nichts auftaucht. Das Thema hat es sogar in der Form eines Blockbusters mit dem Titel „1612 – die Chroniken der Zeit der Wirren“ ins russische Kino geschafft. Was sagt man in Polen dazu? Dort weiß man nicht so recht, was man von diesem Feiertag halten soll. Die Gefühle reichen von Geschmeicheltsein über die Sorge vor wachsenden antipolnischen Stereotypen in Russland bis zu Entrüstung. Manche wollen nicht ohne Stolz den Tag für ihr Land beanspruchen – waren doch die Polen das einzige Volk, das je den Kreml eingenommen hat. Die polnischen Medien versuchen schlichtend ihre Leser darüber aufzuklären, dass die Russen gar nichts über diesen „Polen-Hass-Tag“ wüssten und dieser nur dazu da sei, um die Kommunisten mit dem Aufheben des 7. November nicht ganz zu verärgern. Was also tun mit diesem unpopulären Feiertag, der sich in der Gesellschaft nicht einbürgern will und der zudem auch noch schlecht für die Außenpolitik ist?

Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Nützlich für einen besseren Umgang mit diesem Tag könnte sowohl für die russische wie für die polnische Seite eine Vergegenwärtigung der historischen Gegebenheiten vor 400 Jahren sein.

Die Erste Rzeczpospolita und das Moskauer Reich waren zwei große benachbarte Staaten in Ostmitteleuropa. Um das Jahr 1612 trat ein Wendepunkt in den polnisch-moskovitischen Beziehungen ein: Mit der Zerschlagung der polnisch-schwedisch geführten Invasion des Kreml begann das Moskauer Reich seine Großmachtstellung auszubauen und der polnisch-litauische Staat wurde zunehmend schwächer – bis zu seinen Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts. Beide Staaten hatten um 1600 jedoch Gemeinsamkeiten: Erst die polnische Adelsrepublik, dann das Moskauer Reich standen vor dem Problem der Thronnachfolge. Für Polen, dessen Adel eine enorme Machtstellung hatte, war dies nichts Neues. Auch ein russischer Herrscher wäre willkommen gewesen. Umgekehrt war Moskau auf eine solche Situation weniger gefasst: Mit der Ermordung der Söhne Ivans des Schrecklichen (1547–1584) war die erste Herrscherdynastie ausgestorben, was in der politischen Kultur des Staates bis dahin nicht vorgekommen war. Das Reich befand sich in einem Zustand der Krise mit wechselnden Herrschern. Inmitten dieser Krise kam das Gerücht über die Erscheinung eines Zaren in Polen auf – des angeblich am Leben gebliebenen zweiten Königssohns Ivans. Einige russische Adlige begannen Verhandlungen mit dem schwedisch-polnischen Herrscherhaus der Wasas und mit dem „Falschen Dmitrij“. Für die Lösung der innerpolitischen Konflikte schien ein ausländischer Herrscher gerade richtig. Umgekehrt instrumentalisierten gegnerische russische Eliten die Erscheinung einer „fremden“ ausländischen, katholischen Macht und schrieben ihr alle Probleme im Land zu.

Russlandversteher vs. Russophoben

Während die polnischen Eliten mit den russischen verhandelten, nutzte König Sigismund III. (Wasa) die schwierige Situation im Moskauer Reich aus und ließ seine Truppen in die Hauptstadt einmarschieren. Die Auffassungen der Polen über die Russen waren unterschiedlich: Die königliche Propaganda stellte die katholischen Polen gegenüber den orthodoxen Russen als zivilisatorisch überlegen dar. Der Krieg wurde als Erfolg verkauft. Eine herablassende Haltung gegenüber den Russen war an der Tagesordnung. Der Nachbar im Osten wurde als barbarisch, wortbrecherisch und tyrannisch beschrieben. Dieses Volk sei dumm, wenn es die polnische Herrschaft ablehne. Viele Polen sahen aber die enormen menschlichen und finanziellen Verluste, die die Machtgier des Königs brachte und dachten anders über die Russen. Sie nahmen deren Staatsverständnis an, waren fasziniert von ihnen und bewunderten die Schönheit der fremden Städte mit den Goldkuppeln. Die Belagerung Moskaus 1610–1612 prägte vor allem das Polenbild der Russen: Plünderungen, Vergewaltigungen, Schändungen religiöser Objekte wurden in Dokumenten festgehalten. Die verhandlungsbereiten russischen Adeligen waren entsetzt von der polnischen Überheblichkeit und Gewalt. Auch der polnische Heeresführer Stanisław Żółkiewski schrieb Tagebuch über den Moskauer Krieg und verurteilte das Benehmen der Soldaten aufs Schärfste. Er war Gegner seines eigenen Krieges, sprach Russisch und könnte als früher „Russlandversteher“ gelten. Schließlich stemmten Adelige und Kirchenvertreter aus Nižnij Novgorod die Befreiung Moskaus: Die Polen wurden in den Kremlmauern eingeschlossen und ausgezehrt. Einer von ihnen beschrieb: „Wie in einer Prozession nahmen die Russen Kitajgorod. Die Führer (…), die die wundervolle Ikone der Kazaner Gottesmutter trugen, gelobten, an diesem Tag eine Kirche zu erbauen.“ Der Tag, an dem die Polen aus Moskau vertrieben wurden, ist nicht genau feststellbar. Ob es tatsächlich, wie die russischen Quellen behaupten, der 4. November gewesen ist, als die Truppen Požarskijs und Mninins mit der Ikone den Kreml stürmten, ist nicht entscheidend. Festzuhalten bleibt, dass das Bild der „Fremden“ von bestimmten Gruppen gezeichnet wurde, während andere auf Kooperation setzten. Auch im 17. Jahrhundert hat es Menschen auf polnischer und russischer Seite gegeben, die nicht an einem Konflikt interessiert, sondern „Versteher“ waren.

Eine Geschichte der positiven Werte

Der 4. November. Ein Tag in Russland, der einen längst vergessenen Sieg über die Polen feiern soll, ständig mit dem Tag der Oktoberrevolution verwechselt wird und an dem Neonazis aufmarschieren? Die Umstände des historischen Ereignisses vor 400 Jahren zeigen aber, dass Polen und Russen sehr wohl gemeinsame Interessen hatten und sich nicht nur feind waren. Die Besatzung des Kreml galt schon damals als nutzloses und verurteilungswürdiges Blutvergießen, das dem polnischen Staat keine politischen Vorteile brachte. Nach dem Sieg der Russen wurde ein Herrscher aus den eigenen Reihen gewählt – Michail Romanov, dessen Linie bis zur „Roten Revolution“ 1917 das Szepter behielt. Nichts also, worauf die Polen stolz sein könnten. Den Russen kann dieses Datum viel aus ihrer politisch-religiösen Geschichte erzählen, doch nur, wenn die „nationale Einheit“ positive Werte mit einschließt und andere nicht zu Gegnern erklärt. Aus dem Feiertag könnte ein Verständnis für die Kultur des Anderen erwachsen, der ja in nächster Nachbarschaft ist.

von Anna Schlögel, 04. November 2012

anna.schloegel (at) googlemail.com

© 2017 Polen Heute. Alle Rechte gesichert. XHTML / CSS fähig.