Fußball, Fußball, Fußball – und an die Fans denken!

Allerhand ist zurzeit im politischen Polen los: Premierminister Donald Tusk steht fast ständig irgendwo Rede und Antwort. Und auch die Opposition hat ihre Freude an der Kritik. Aber die Polen interessieren im Moment nur drei Dinge: Fußball, Fußball, Fußball; auch wenn kurzzeitig die Freude etwas getrübt war.

Donald Tusk ist überall. Keine Gelegenheit wird vom polnischen Regierungschef ausgelassen, um fragenden Reportern bis ins kleinste Detail alle Fragen zu beantworten. Begonnen hat die mediale Offensive mit ACTA – Tusk hat in einer öffentlichen Sitzung mit Vertretern verschiedener Interessensgruppen Anfang Februar 2012 fast sieben Stunden lang dieses Thema aufgearbeitet. Am Ende waren über zwei Drittel der Diskutanten gegangen. Und dieser Gesprächsmarathon ging mit fast täglichen Konferenzen zu verschiedensten Themen weiter. Am Dienstag dieser Woche wurde Tusk sogar mit Problemen der Flora und Fauna konfrontiert: die Landwirte sehen sich einer „Bieber-Plage“ gegenübergestellt.

Die gesteigerten Aktivitäten, die manch einer wohl als politisches ADHS bezeichnen könnte, haben jedoch einen Grund: Die ersten 100 Regierungstage der zweiten Legislaturperiode sind am 21. Februar 2012 zu Ende gegangen und die Regierung steht in den Umfragen so schlecht da, wie lange nicht mehr. Obwohl die Partei von Tusk (Bürgerplattform, PO) in der letzten Umfrage von Millward Brown SMG/KRC im Aufrag von TVN24 mit 27% führt, sieht die Partei des Anführers der stärksten Oppositionspartei Jaroslaw Kaczynski (Recht und Gerechtigkeit) 22% der Bevölkerung hinter sich – der kürzeste Abstand seit fünf Jahren. Und weitere Befragungen stellen der Regierung kein gutes Zeugnis aus. Laut einer neuen CBOS Umfrage sind 55% der Meinung, dass die ersten 100 Tage schlechter waren als erwartet. Doch diese Stimmung kommt nicht von ungefähr: das Hickhack und handwerkliche Fehler der aktuellen Gesundheitsreform, die nach Meinung vieler vorschnelle Unterzeichnung von ACTA und dann das Zurückrudern, Verzögerungen beim Bau des neuen Stadions in Warschau, neue Pläne der Regierung zur Anhebung des Rentenalters… – wohl eher steht die Regierung diesen Problemen zum Trotz noch gut da.

Die aktuelle Situation ist Balsam für die Opposition: Jaroslaw Kaczynski wirkt gelöst wie lange nicht mehr – er lässt sich sogar zu selbstironischen Bemerkungen in der Öffentlichkeit verleiten; neben harscher Kritik am Regierungschef, den er gerne mit kommunistischen Machthabern gleichsetzt. Auch wird durch die Probleme der Regierung der offene Konflikt zwischen der Linken (SLD) und der linksliberalen Palikot-Bewegung überdeckt; beide Parteien wollen eigentlich ihre Kräfte bündeln, doch anscheinend überwiegen persönliche Animositäten zwischen Janusz Palikot und dem Vorsitzenden der SLD Leszek Miller. Hier gibt es aber auch programmatische Hürden: die SLD gibt sich oft den Anstrich einer konservativen Partei, während die Palikot-Bewegung liberale Freiheitsrechte gepaart mit sozialer Verantwortung und laizistischen Grundsätzen vertritt.

So katastrophal ist die Lage für die Regierung jedoch nicht: alles wird durch König Fußball überdeckt. Am Mittwoch dieser Woche fand die große sportliche Einweihung des neuen Stadions in Warschau statt. Noch kurze Zeit vorher war nicht bekannt, ob das Spiel Polen gegen Portugal stattfinden wird. Mehrfach ist eine sportliche Einweihung verschoben worden – ein Mal gab es wegen des Kälteeinbruches im Februar Probleme beim Verlegen des Rasens, dann war ein Tor um Zentimeter zu niedrig und dann gab es Probleme mit der Funkverbindung für die Einsatzkräfte der Polizei im Stadion. Aufgrund der Verzögerungen musste der verantwortliche Beamte Rafal Kapler zurücktreten. Große Aufregung herrschte über die als zu hoch empfundene Prämie, die ca. 140.000 Euro betragen soll. Das Sportministerium tut nun alle, um diese nicht auszahlen zu müssen. Was ganz deutlich auf einen unterschiedlichen Umgang mit politischen Verfehlungen zwischen Deutschland und Polen verweist. In Deutschland ist kaum denkbar, dass einem sein Ruhestandsalärchen, der sogenannte Ehrensold gekürzt oder ganz entzogen wird, bloß weil da die Staatsanwaltschaft ermittelt und es scheint, als wenn der Vorwurf der Vorteilsnahme im Amt nicht ganz unberechtigt ist – euphemistisch formuliert. Nein, die polnische Öffentlichkeit ist empört über die hohe Prämie, da bestimmte Termine nicht eingehalten wurden und somit wird eine gerichtliche Auseinandersetzung die Entscheidung bringen. Experten sagen jedoch, dass der Vertrag wasserdicht sei und die Prämie letztendlich ausgezahlt würde.

Aber auch das ist zur Nebensache verkommen – das Spiel an diesem Mittwoch steht im Mittelpunkt. Da Portugal – vertraglich vorher festgelegt – mit der stärksten Besetzung spielte, hat man der polnischen Mannschaft nur geringe Chancen eingeräumt, eine passable Leistung abzugeben. Wie sich aber herausstellte: die polnischen Fußballer waren gar nicht mal so schlecht. Am Ende wurde es ein Null zu Null und das neue polnische Stadion hat den ersten großen Test bestanden.

Somit kann die Europameisterschaft kommen!

PS: Die polnische Regierung wird wohl während der EM das Rentenalter für Frauen um sieben und für Männer um zwei Jahre anheben. Für etwas ist Fußball also doch gut – Fußball fürs Volk eben.

von Lukas Plewnia, 01. März 2012

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