Polen im Kirchenrausch

Radio Maryja – Agenda-Setting durch den katholischen Radiosender. Erfolgreicher Besuch von Patriarch Kyrill in Polen. Smolensk – wie es wirklich war. Gesellschaftlich relevante Themen dominiert durch die Kirche.

Dass Polen ein katholisches Land ist, denken viele und gleichzeitig könnte es auch nur ein Vorurteil, ein Stereotyp, sein, denken einige. Ist es aber nicht, Polen sind tatsächlich wesentlich gläubiger als Deutsche. Während hierzulande die Kirchen immer leerer werden und ein Skandal den anderen jagt, sind die Kirchen in Polen noch ordentlich gefüllt. Skandale (auch in Verbindung mit sexuellem Missbrauch) der Kirche werden in Polen nicht oder nur marginal thematisiert. Kaum ein Politiker bekennt, dass er nicht gläubig ist, sei er liberal, links oder konservativ. Obwohl die linksliberale Palikot-Bewegung als neue Kraft in den letzten Parlamentswahlen mit 10% in den Sejm, das polnische Parlament, eingezogen ist mit den Anspruch, die Macht und die Privilegien der katholischen Kirchen zu beschränken, ist nach fast eine Jahr davon nichts zu spüren. Das Kreuz hängt weiter an exponierter Stelle im Sejm – ohne jegliche Rechtsgrundlage – und die Kirche mischt mit, wie nie. Der Einfluss der katholischen Glaubensgemeinschaft auf die Medien kann dabei nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Radio Maryja – die vierte Macht

Die mediale Stimmung in Polen wird im hohen Maße durch kirchliche Medien vorgegeben. Radio Maryja, ein klerikaler und rechtskonservativer Sender (Motto: Die katholische Stimme in deinem Haus), der Anfang der 1990er Jahre vom Redemptoristen-Pater Tadeusz Rydzyk gegründet wurde, ist dabei oft Meinungsführer. Hier sollte jedoch von einem Medienimperium gesprochen werden. Neben dem Radiosender sind auf Initiative von Pater Rydzyk ein Fernsehsender (TV-Trwam), eine polenweite Tageszeitung (Nasz Dziennik) sowie eine private katholische Medienhochschule entstanden. Dabei ist auch der politische Einfluss des Paters als relativ stark einzuschätzen. Einige Politiker, die zu seinen treusten Anhängern gezählt werden können, sind über die Wahlliste der rechtskonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) ins polnische Parlament gekommen. Starken Einfluss hat Pater Rydzyk auch auf die Vorsitzenden der beiden rechtskonservativen Parteien PiS und Solidarisches Polen (SP). Oftmals dürfen ausschließlich Politiker dieser beiden Parteien in den Medien von Pater Rydzyk Stellung beziehen.

Patriarch Kyrill besucht Polen

Oft sind kirchliche Themen ganz unabhängig von Pater Rydzyk in Polen Nummer eins auf der Tagesordnung. Letzte Woche gab es genau zwei Themen, die die Öffentlichkeit beherrschten. Zum einen war da die Pleite der Billigfluglinie OLT Express und die Anschuldigungen gegen die Eigentümergesellschaft Amber Gold. Zum anderen bekam Polen hohen Besuch des Chefs der orthodoxen Kirche in Russland, Patriarch Kyrill. Der Besuch wurde, auch von relativ kirchenkritischen Medien als historisch bezeichnet. Die Initiierung des Prozesses der Aussöhnung der beiden Kirchen wurde verkündet; gleichzeitig wurden europa- und kapitalismuskritische Töne transportiert. Der Besuch ist übergreifend von den meinungsführenden Medien als positiv eingeschätzt worden. Kritik an diesem konnten nicht vernommen werden.

Smolensk – die „andere“ Version
Polnische und russische Regierungsvertreter versuchen, mit leicht voneinander abweichenden Versionen zu überzeugen, dass die Flugzeugkatastrophe bei Smolensk 2010, in der der polnische Präsident Lech Kaczynski ums Leben gekommen ist, eine Mischung aus menschlichen Fehlern und verschiedenen ungünstigen Umständen war. Dazu wurde in Polen und Russland jeweils ein Abschlussbericht veröffentlicht; beide setzen sich sehr detailliert mit den Ursachen und dem Unfallhergang auseinander.

Die polnische Öffentlichkeit lässt sich so schnell jedoch nicht überzeugen. Nach einer CBOS-Umfrage vom Mai 2012 glauben nur 38% der Befragten, dass ein Anschlag mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Speziell von katholischen Medien wie dem Radiosender Radio Maryja werden Theorien kolportiert, die starke Anschuldigungen gegen die aktuelle Regierung erheben. Demnach soll der Premierminister Donald Tusk (Bürgerplattform, PO) einer der Hauptschuldigen für das Flugzeugunglück sein. Auch sollen sich kurz vor dem Aufprall des Flugzeuges zwei Explosionen an diesem ereignet haben.

Gesellschaftliche Themen im Fokus der Kirche
Es ist somit auch nicht verwunderlich, dass viele gesellschaftlich und politisch relevante Themen durch eher starke katholische Einflüsse bestimmt werden. Polen ist eines von zwei Ländern (neben Irland) in der EU, das die Abtreibung in nur wenigen Ausnahmefällen erlaubt. Die Diskussion über eingetragene (auch gleichgeschlechtliche) Partnerschaften wird immer wieder von den Befürchtungen überschattet, dass schwule Männer Kinder adoptieren könnten. Schon vor Jahren hat Premierminister Tusk angekündigt, die In-vitro-Fertilisation zu regeln und zu einem Teil von der staatlichen Krankenversicherung bezahlen zu lassen. Das Thema wird jedoch immer wieder in die Zukunft verschoben. Auf Druck der Kirche wurde sogar die Charta der Grundrechte der Europäischen Union vom damaligen Premierminister Jaroslaw Kaczynski (Recht und Gerechtigkeit, PiS) nicht unterschrieben – Begründung: Angst vor der Einführung der Homo-Ehe durch die Hintertür. Trotz vieler Proteste und Apelle wurde die Grundrechtecharta von Premierminister Tusk bis heute nicht unterzeichnet.

Wie geht es weiter? Den Polen steht ein heißer Herbst bevor; durch Ankündigungen wird erwartet, dass viele dieser Themen auf die politische Agenda kommen. Dann werden die im Parlament vertretenen Parteien Farbe bekennen müssen – Ausgang ungewiss.



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