Kurios: Komorowski vorne – PiS vorne

Die letzten Umfragewerte in Polen erscheinen kurios. Präsident Bronislaw Komorowski liegt in der einen Umfragen vorne, in der anderen Umfrage führt die rechtsklerikale Recht und Gerechtigkeit. Eigentlich ein Widerspruch, der jedoch auf einen tiefen Zwiespalt in der polnischen Seele hindeutet.

Bronislaw Komorowski und Anna KomorowskaDass man Umfragen und Statistiken keine große Bedeutung schenken sollte, ist schon längst in den allgemeinen Wissenschatz eingegangen genauso wie der Krieg gegen den Terror oder Spaghetti Carbonara. Gleichwohl liefern Umfragen schon mal ein interessantes Stimmungsbild, man könnte hier auch vom Fieberthermometer der Gemeinschaft sprechen. Sicher ist daher schon vielen aufgefallen, dass Politik sich viel stärker an diesem Meinungsbild orientiert als an Wahlen, die so nur noch zur Bestätigung der Erwartungen verkommen. Auf die Macht der Umfrageinstitute wollen wir hier gar nicht erst eingehen.

Trotzdem ist schon ziemlich kurios, was man dem polnischen Medienkonsumenten gestern zugemutet hat. Und zwar geht es um den Endspurt der Präsidentschaftswahlen, die am 10. Mai mit dem ersten Wahlgang einen vorläufigen Höhepunkt finden werden. Klar dabei ist: Präsident Bronislaw Komorowski lässt es präsidial langsam und ruhig angehen. Da allseits beliebt und mit vielen prestigeträchtigen Auftritten in seiner Funktion bedacht, kann er sich das erlauben. Klar ist aber auch: Sein stärkster Widersacher Andrzej Duda von der rechtsklerikalen Recht und Gerechtigkeit (PiS) fährt viele hundert Kilometer durch das Land und lässt keinen Termin, keine Möglichkeiten für Wählerkontakte aus.

Zwiespalt in der Gesellschaft

Damit scheint Duda Erfolg zu haben. Denn einer gestern veröffentlichten Umfrage von Millward Brown für tvn24 zufolge ist PiS mit 35 Prozent aktuell die Partei mit den höchsten Zustimmungswerten. Kurz darauf folgt die rechtsliberale Bürgerplattform mit 34 Prozent – dann lange nichts und dann erst der Bund der Demokratischen Linken (SLD) mit 8 Prozent. Auf der vierten Position ist überraschend die ultrakonservative Partei KORWIN (6%) und am Ende kommt die polnische Bauernpartei PSL (5%). Das Meinungsbild ändert sich jedoch, wenn man sich eine weitere Umfrage von Millward Brown für tvn24 ansieht. Dieser zufolge ist der von der Bürgerplattform unterstützte Prasident Komorowski mit 46 Prozent der mit Abstand beliebteste Präsidentschaftskandidat. Duda kommt nur auf 27 Prozent, auch wenn dieser Abstand in den letzten Wochen geschrumpft ist und polnische Kommentatoren von einem zweiten Wahlgang ausgehen, der am 25. Mai stattfindet, wenn in der ersten Runde kein Kandidat die 50-Prozent-Marke durchbricht.

Diese zwei Umfragen, die vom gleichen Umfrageinstitut durchgeführt wurden, deutet auf einen Zweispalt in der Gesellschaft hin. Zwar erhält zurzeit die Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit hohe Umfragewerde, doch ist ihr Kandidat Duda nicht ganz so beliebt. Umgekehrt sieht es bei Komorowski aus, dessen politische Heimat die PO ist. Was ist der Grund für diese überraschenden Werte?

Die Antwort darauf ist offensichtlich und führt dennoch tief in die polnische Seele. In Polen wechseln Parteien und Parteibezeichnungen ständig. Parteiprogramme sind praktisch nicht existent. Hier vertrauen die Bürger bestimmten charismatischen Politikern. So deuten die Umfragewerte von PiS auf die hohe Beliebtheit des Oppositionsführers Jaroslaw Kaczynski hin und die Umfragewerte von PO geben eine Ahnung davon, wie hoch die Beliebtheit der Parteivorsitzenden und Premierministerin Ewa Kopacz ist. Diese Einstellung gegenüber der Politik wird sich in Polen wohl nicht so schnell ändern. Jedoch scheint sich in den letzten Jahren die politische Szene zu konsolidieren. Aber dieser Trend kann sich auch ganz schnell wieder umkehren.

Bild: Bronislaw Komorowski // (cc) Lukas Plewnia / polen-heute.de [CC BY-SA 2.0] / Flickr

Schlagwörter: , , , , , , , ,


Diesen Artikel drucken
Flattr this!

Hinterlassen Sie eine Antwort

Kommentar absenden

© 2017 Polen Heute. Alle Rechte gesichert. XHTML / CSS fähig.