Polen setzt auf norwegisches Erdgas

Bereits vor dem deutsch-russischen Ostseepipelineprojekt Nord Stream, versuchte Polen sich von russischen Erdgasimporten zu lösen. Neben Fracking und dem Bau von LNG-Terminals zum Verladen von flüssigem Erdgas aus Übersee, sollen ab 2020 über die Baltic Pipe bis zu 10 Mrd. Kubikmeter Erdgas aus Norwegen über Dänemark nach Polen fließen. Dies würde über zwei Drittel des aktuellen polnischen Erdgasbedarfs decken. Polen könnte daher einen Teil des Erdgases an Nachbarstaaten weiterverkaufen und damit eine strategische Schlüsselposition in der EU einnehmen. Durch den voraussichtlichen Wegfall der Ukraine ab 2019 als Transitstaat für russisches Erdgas könnte Polens Bedeutung weiter wachsen.

Polnische FlaggePolen ist bis zum Jahre 2022 an russische Erdgasimporte vertraglich gebunden. Daher könnte es erst ab dem Jahr gänzlich auf russisches Erdgas verzichten, sofern es genügend alternative Lieferanten findet. Seit 2012 sind die russischen Erdgasexporte nach Polen von 13,1 Mrd. m³ auf 9,1 Mrd. m³ (2014) zwar gesunken, doch deckt Russland mit fast 76 Prozent noch immer den größten Teil der polnischen Erdgasimporte. 2015 belief sich der polnische Erdgasverbrauch auf ca. 14 Mrd. m³. Durch Flüssiggasimporte (LNG) unter anderem aus Katar, kann Polen ca. 5 Mrd. m³ Erdgas importieren. Aus eigenen Quellen (Fracking) konnte Polen 2015 ca. 4 Mrd. m³ Erdgas fördern. Damit könnte das Erdgas aus Norwegen die Lücke, die sich durch einen Importstopp aus Russland auftuen würde, schließen. Dann wäre Polen ausschließlich ein Transitstaat für russisches Erdgas und hätte damit eine starke Verhandlungsposition gegenüber dem Kreml.

Seit 2001 ist Polen an norwegischem Erdgas interessiert , doch erst 2007 wurden die Pläne konkretisiert. 2007 gründete der staatliche polnische Energieversorger PGNiG die PGNiG Upstream International AS, um in Norwegen Erdgas fördern zu können. 2015 konnte die PGNiG-Tochter 0,573 Mrd. m³ Erdgas in Norwegen fördern, was einer deutlichen Steigerung gegenüber 2014 (0,419 Mrd. m³) entsprach. Die Verhandlungen über eine Pipeline wurden zwischen 2004 und 2010 zwei Mal abgebrochen. Anfang 2016 wurde jedoch ein dritter Anlauf gestartet, um das Pipeline-Projekt wieder zu beleben. Die Balitc Pipe wird von der EU unterstützt, und die Kosten sollen 1,4 bis 2,3 Mrd. Euro betragen. Seit März 2016 laufen die Machbarkeits- und Wirtschaftlichkeitsstudien. Sollten diese positiv ausfallen, könnte der Bau der Pipeline 2019 beginnen. Die Baltic Pipe wäre dann ein direkter Konkurrent zu der deutsch-russischen Nord Stream Pipeline und der russischen Jamal Pipeline.

Russisch-polnische energiepolitische Eiszeit

Durch den Bau der Nord Stream 2011 setzte Russland ein eindeutiges Zeichen gegenüber den beiden Transitstaaten Ukraine und Polen, wonach insbesondere die Ukraine langfristig als Transitstaat ersetzt werden soll. Bis 2022 soll zudem Nord Streams 2 fertiggestellt werden. Dann wird Russland bis zu 55 Mrd. m³ Erdgas über die Nord Streams nach Nordeuropa fördern und damit auf die Ukraine als Transitland weitgehend verzichten können. Dies würde aber auch die Stellung Polens als Transitstaat schwächen. Aktuell werden jährlich über den polnischen Teil der Jamal Pipeline 32,96 Mrd. m³ Erdgas befördert. Durch den voraussichtlichen Wegfall der Ukraine als Transitstaat ab 2019 wird Polen zum Nadelöhr für die Jamal Pipeline nach Westeuropa. Bis 2033 darf Russland 80 Prozent seines Erdgases durch den polnischen Teil der Jamal Pipeline leiten. Damit ist die Jamal Pipeline weitgehend für das russische Erdgas reserviert und kann nicht in ein europäisches Netzwerk integriert werden.

Polen ein neues Transitzentrum für die osteuropäische Erdgasversorgung

Durch eine geschickte Neustrukturierung könnte sich Polen als ein Transitzentrum für russisches und nicht-russisches Erdgas etablieren. Hierbei geht es vor allem um die Versorgung der baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen. Darüber hinaus könnte Polen noch die Ukraine, Belarus sowie seine südlichen Nachbarn mit Erdgas versorgen, die dadurch zukünftig ebenfalls auf russisches Erdgas verzichten könnten. Ende 2016 wurde bereits eine polnisch-ukrainische Kooperation über den Bau einer gemeinsamen Pipeline unterzeichnet, um die Ukraine über Polen mit Erdgas zu versorgen. Außerdem wird Polen nach dem Wegfall der Ukraine der einzige Transitstaat für die Jamal Pipeline nach Westeuropa sein und damit ein wichtiger, aber unangenehmer Partner für Russland.

Bild: Polnische Flagge // (cc) Lukas Plewnia [CC BY-SA 2.0] / Flickr, polen-heute.de

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Eine Antwort auf "Polen setzt auf norwegisches Erdgas"

  1. ulisan sagt:

    Durch seine geographische Lage ist Polen prädestiniert fuer eine wichtige Rolle in der europäischen Gasversorgung. Vielleicht lässt sich so, wie im Artikel beschrieben, der Stachel im Fleisch, bei der Nordstream nicht mit am Ball zu sein, etwas leichter ertragen.
    Wegen des gespannten, misstrauischen Verhältnisses zwischen Polen und Russland sehe ich aber eine gewisse Gefahr für die reibungslose Versorgung Westeuropas.
    Auch Verträge mit der Ukraine und Weissrussland bergen ein gewisses Risiko, da diese beiden Staaten aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation, häufig mit Zahlungen in Verzug sind.
    Die Verträge mit Norwegen, wenn sie denn wie beschrieben zustande kommen, sind auf jeden Fall eine schöne zusätzliche Einnahmequelle für die polnische Wirtschaft.

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