Staatsanwaltschaft: antisemitische Gesänge nicht antisemitisch

Die Staatsanwaltschaft lehnte die Verfolgung von Fans ab, die antisemitische Gesänge im Fußballstadion von sich gaben. Dieser Vorfall entblößt viel tiefergehende Probleme im Rechtssystem und steht beispielhaft für das Ausmaß der Aggression bei polnischen Fußballfans. Lösungen gibt es jedoch keine.

Gerichte fällen verblüffende Urteile, das kommt vor – das Rechtssystem ist in Polen behäbig und undurchsichtig, Das Urteil von Franz Kafka drängt sich da als besonders treffender Vergleich auf. Doch was zurzeit durch die polnischen Medien getrieben wird, ist für hartgesottene Beobachter polnischer Politik und Gesellschaft unverständlich.

Gestern wurde berichtet, dass die Posener Staatsanwaltschaft antisemitische Gesänge nicht weiter verfolgen will. Konkret geht es um Fans von Lech Posen, die vor drei Monaten bei einem Fußballspiel unter anderem gesungen haben: „Euer Haus ist Auschwitz, ganz Polen weiß davon…“, „Abfahrt mit Juden“, „zum Gas“.

Die Staatsanwaltschaft begründete ihre Entscheidung damit, dass die antisemitischen Gesänge den gegnerischen Fans zugerufen wurden und somit nicht an Juden gerichtet seien. Auch sei es eine Sportveranstaltung gewesen, keine politische Kundgebung.

Probleme mit Fans und der Staatsanwaltschaft

Probleme mit gewaltbereiten Pseudo-Fans hat Polen seit vielen Jahrzehnten, die gewalttätige Atmosphäre ist in den Stadien oft mit den Händen greifbar. Schlägereien während der Spiele und bei Treffen am Rande der Veranstaltungen sind an der Tagesordnung. Hooligans und Ultras der Fußballmannschaften treffen sich im Wald, um fest reglementierte Massenschlägereien durchzuführen. Manche Medien unterstellen auch, dass Fanstrukturen genutzt werden, um Drogenhandel zu organisieren. Dabei herrsche eine Art Schweigegelübde: sogar lebensgefährliche Verletzungen werden nicht angezeigt. Rache übten die Anhänger untereinander – wie bei der Mafia eben.

Nicht nur in diesem Zusammenhang hat Polen ein Problem mit dem Gerichtswesen. Oft ist zu hören, dass Seilschaften das Rechtssystem durchziehen. Von außen ist das System kaum zu durchschauen, nur die Auswirkungen sind von Zeit zu Zeit sichtbar: Wer sich einen guten oder prominenten Rechtsanwalt leisten kann, der tief im System verankert ist, hat das Recht auf seiner Seite; Beispiele gibt es viele. Angesichts des aktuellen Falls war das Thema gestern Gegenstand einer Pressekonferenz von Premierminister Donald Tusk – Lösungsmöglichkeiten sind nicht in Sicht.

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