Inkonsequenter polnischer Atheismus

Jeder fünfte polnische Atheist glaubt an die Existenz der Seele, drei von zehn atheistischen Eltern lassen ihre Kinder taufen und 30 Prozent entscheiden sich für die Taufpatenschaft. Der polnische Atheismus mag inkohärent und inkonsequent sein, doch dies erscheint nur auf den ersten Blick widersprüchlich.

Sich zum Atheisten erklären sollte eigentlich einen folgenschweren Bruch mit der Kirche darstellen. Doch in Polen gibt es viele Menschen, die man als konformistische oder inkonsequente Atheisten bezeichnen könnte. Eine derartige These geht aus einem Bericht der Zeitschrift Tygodnik Powszechny (ein klerikales Wochenmagazin) hervor, die die Ergebnisse einer Umfrage darstellt, an der 7.500 Atheisten teilnahmen. Demnach sind acht Prozent der Befragten offiziell aus der Kirche ausgetreten. Ein Grund dafür ist der komplizierte Prozess des Kirchenaustrittes mit entsprechenden Gesprächen mit dem Pastor der Heimatgemeinde und die Beibringung bestimmter Unterlagen. Viele Atheisten gehen zudem gelegentlich in die Kirche, meist zu den wichtigsten katholischen Festen.

Überdruss über die institutionelle Kirche

Der Atheismus mag in der Praxis verschwommen und inkohärent sein. Doch nachdem die modernen Gesellschaften aufgrund der zahlreichen Skandale stark durch die katholische Kirche enttäuscht wurden, suchen die Gläubigen Wege, die den klassischen Mustern von Glauben und Atheismus kaum entsprechen.

Auch versuchen zeitgenössische Theologen diese Phänomen zu beschreiben. Einer von ihnen ist Karl Rahner, der sich in seinem Buch „Atheismus aus Respekt vor Gott“ mit dem Thema auseinandersetzt. Rahner hat diesen Begriff geschaffen, um eine alltägliche Haltung zu beschreiben, die durch christliche Werte geprägt ist, zugleich jedoch mit der Distanzierung von kirchlichen Institutionen einhergeht. Solche Menschen suchen oft nicht in der katholischen Kirche nach Religiösität, da die Glaubensgemeinschaft ihrer Meinung nach diese nicht fördert.

Große Rolle der katholischen Tradition

Laut Jaroslaw Makowski, Chef des Instituts für Zivilgesellschaft (Think-tank und Forschungszentrum der regierenden liberalkonservativen Bürgerplattform PO), ist die traditionell starke Rolle der katholischen Kirche einer der entscheidenden Aspekte bei der Lebensgestaltung der polnischen Atheisten. Die Macht der katholischen Tradition ist so groß, dass nichtgläubige Menschen oft Kompromisse eingehen müssen, indem sie zum Beispiel ihre Kinder zum Religionsunterricht schicken, damit diese keine Nachteile erfahren müssen. Andere inkonsequente Atheisten gehen zum Karfreitag in die Kirche, oft wegen der Großeltern, und suchen trotz ihrer kritischen Einstellung zu kirchlichen Institutionen nach geistlichen Erlebnissen.

Auch die Tatsache, dass einige polnische Atheisten nicht mehr am religiösen Leben teilnehmen, bedeutet nicht immer zugleich die Ablehnung des Glaubens. In diesem Kontext scheint eine Anekdote von Priester Josef Tischner besonders geeignet. Er sagte einmal, dass er kaum jemanden kenne, der nach der Lektüre der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels den Glauben an den Kommunismus verloren habe. Aber er kenne Menschen, die sich nach einem Gespräch mit einem Pastor von der Kirche distanzierten.

Ähnlich ist es in Polen, wo viele Menschen kirchliche Institutionen zwar ablehnen, aber weiter nach spirituellen Erfahrungen suchen. Der Bericht des Tygodnik Powszechny zeigt, dass die polnischen Atheisten oft antiklerikal sind. Trotzdem identifizieren sie sich sehr stark mit christlichen Werten, was nur auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen mag.

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